Neulich, als wieder alles zuviel war, und Schatten der Verganhenheit mich zu erwürgen drohten, hatte ich die glänzende Idee, sie in Weckgläser einzusperren und sauber beschriftet nebeneinander im Regal zu lagern.
Seitdem geht es mir viel besser. Und je voller das Regal wird, desto leichter fühle ich mich. Manchmal tanze ich ganz wild zu lauter Musik vor dem Regal und strecke den eingesperrten Fratzen die Zunge raus.
Das ist natürlich keine Lösung. Auf Dauer versaut der Anblick von soviel Unglück das Ambiente. Vielleicht sollte ich sie einfach zum nächsten Sperrmüll an die Straße stellen.
Gestern hab' ich ein Tierchen entdeckt, das sonnte im tiefen Gras. Es hatte den Panzer verlassen, die Fühler ganz entspannt. Beinah' wär ich draufgetreten, da schaute es ganz erschreckt.
Von einer Sekunde zur anderen spürte das Tier die Gefahr, war einen Moment wie erstarrt und zog sich blitzschnell zurück.
Vom Tier war nichts mehr zu sehen, einzig sein Schneckenhaus. Ich beugte mich zu ihm runter, nahm's zaghaft in die Hand, suchte nach Lebenszeichen und sprach mein Bedauern aus.
Aus dem Panzer fiel eine Träne, nun sah ich genauer hin. Wo vorher die Fühler gewesen, da saßen jetzt Säbelzähne.
Geboren 1962 in Hamburg, in Norderstedt lebend. Nach der Ausbildung zur Industrie-Fotografin arbeite ich zwischenzeitlich als Chefassistentin im Büro. Meine Lyrik ist Ausdruck der Suche nach mir selbst und die Überwindung meiner Sprachlosigkeit.