Ferien. Und das bei dieser gnadenlosen Hitze. Ich bleibe in der Stadt. Es ist besser so. Möchte ich italienisch essen, in der nächsten Seitenstraße befindet sich eine kleine Trattoria. Da arbeiten zwar keine italienischen Kellner, sie sind Osteuropäer aus der Ukraine und aus Polen, doch die Salamipizza mit Tomaten schmeckt. Ein Glas Soave dazu, er könnte kälter sein, zum Abschluss beköstigt mich der nicht deutsch sprechende Kellner mit einem lauwarmen Espresso. Wenn ich an die Urlauber in Italien denke, furchtbar, wie die schwitzen müssen. Sie tun mir Leid. Verstehen die Sprache nicht, bekommen nicht das Essen, das sie bestellen, der Wein ist wärmer als meiner, ich schmunzle über die Weltreisenden. Und der Weg vom Hotel zum Strand führt an einer Eisenbahnlinie entlang, bis ein Übergang erscheint, mit dem Hinweis: noch 800 Meter zum Strand. Und kein gemütliches Hotelzimmer. Nachts vibriert und kreischt die Klimaanlage auf dem Hoteldach. Haben Sie Ohrstöpsel dabei? Stellen Sie sich das mal vor! Ach, da liebe ich doch mein heimatliches Bett. Nur nachts schwirren Mücken durch mein Zimmer, mein Körper wird hellwach, ich erkenne ihre Geräusche, schalte blitzschnell das Licht an und, schwub, schlag ich mit meinem Kopfkissen und einem gewaltigen Urschrei zu. Ich überrasche sie. Wieder eine Leiche an der Wand. Der kleine Blutfleck stört mich nicht. Peinlich, wenn mir das in einem ausländischen Hotelzimmer passiert wäre. Dieser Fleck. Mir geht es gut in der Stadt. Heute Abend, wenn ich möchte, kann ich zum Chinesen, Spanier, Türken oder zum Thailänder bummeln. Oder ich eile zur Imbissstube am Park, um eine Berliner Currywurst (ohne Darm) zu vernaschen. Dazu eine große Portion Pommes frites. Schmeckt zwar schal, das Öl ist wohl schon einige Tage alt, Mücken schwimmen darin. Dafür habe ich es nicht weit nach Hause. In meinen vier Wänden lese ich regelmäßig meine Tageszeitung und ärgere mich über die Nachrichten in der ARD. Haben die, die auf Bali verweilen, es auch so gut? Ach, die armen Touristen, so weit von zu Hause fort. Und wenn sie zurückfliegen, welche Hektik. Bei der Abfertigung am Flughafenschalter möchte jeder der Erste sein. Das Gepäck hat Übergewicht, zuzahlen bitte. Und dann in der Landeswährung kein Geld mehr. Rötliche Gesichter, Schweißperlen auf der Haut, durchnässte T-Shirts. Jeder ist genervt, bevor sie hier ankommen. Und ich ... Ich sitze gemütlich auf meinem Balkon, lasse den lieben Gott einen guten Mann sein, trinke einen französischen Wein, der Sonnenschirm beschützt meine blassen Wangen, ja, bitte nicht braun werden, sonst philosophieren meine Nachbarn, ich arbeite nicht. Ich kann meine Kollegen in der Firma anrufen, sie ärgern, ihnen sagen, wie gut es mir geht. Dafür sind die Handys ja da. "My home is my castle", das geht mir immer wieder durch den Kopf. Urlaub. Einen ruhigen Lenz machen.
Geboren 1947 in Riesalingen/Hegau, wohnhaft seit 1970 in Berlin. Buchdruckermeister. Fotografiert seit 1970 als Autodidakt. Zahlreiche Einzel- und Gruppenausstellungen im In- und Ausland. Herausgeber seit 1984 des "brennpunkt"-Magazins. Zahlreiche Publikationen und Veröffentlichungen in Anthologien, Literaturzeitschriften, Rundfunk und Fernsehen. Lesungen im öffentlichen Raum.